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Instagram-Bots im Selbstversuch (Lassen Sie das)

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Wenn Sie „Mehr Instagram-Follower gewinnen“ googeln, stoßen Sie auf eine Menge Artikel und Blog-Posts – unter anderem auch unseren – voller Tipps und Tricks für eine größere Community. Und höchstwahrscheinlich finden Sie auch eine Menge Angebote, sich zusätzliche Instagram-Follower zu kaufen. Damit wären für viele auch schon die zwei einzig möglichen Wege zum Instagram-Erfolg beschrieben: Können oder kaufen. Ersteres machen die „Guten“, die zweite Option wird – so die verbreitete Meinung – von den „bösen“ Spammern genutzt. Tatsächlich aber gibt es noch eine dritte Möglichkeit: Instagram-Bots.

Inzwischen verlassen sich immer mehr Menschen auf Automatisierungs-Tools, auch Bots genannt, um ihre Instagram-Community zu vergrößern. Diese Bots funktionieren ganz unterschiedlich: Sie verteilen „Gefällt mir“-Angaben in Ihrem Namen, folgen anderen Nutzern oder hinterlassen sogar Kommentare. Die Bot-Aktivitäten lassen sich gezielt über einen Hashtag oder sogar auf bestimmte Nutzer abstimmen.

Im Gegensatz zu den gekauften Followern, bei denen es sich meist um Spam-Accounts handelt, soll das Engagement durch die Bots „echte“ Nutzer zu Followern machen. Zeit sparen und trotzdem die Spammer vermeiden – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Und wenn es so klingt, dann ist es meistens auch so – bei solchen Angeboten gibt es fast immer einen Haken. Darum habe ich einfach mal zwei dieser Bots jeweils drei Tage lang getestet. Mit meinem privaten Instagram-Account habe ich kein Fettnäpfchen ausgelassen, in das man bei der Verwendung der Bots tappen kann, damit Sie das nicht selbst ausprobieren müssen. Denn obwohl diese eifrigen Automaten mehr oder weniger das tun, was sie versprechen, würde ich jedem, insbesondere Marken, davon abraten, sie zu nutzen – und zwar darum:

Eine Geschichte seltsamer Kommentare

Der Ausgangspunkt meines Experiments waren 338 Follower meines Accounts und etwa dieselbe Größenordnung an Nutzern, denen ich folgte. Ein Ziel wollte ich mir nicht vornehmen, weil ich keine Basisdaten dafür hatte. Ich war mir ja nicht einmal sicher, ob das Ganze überhaupt funktionieren würde.

Einer meiner Kollegen machte mich für den ersten Versuch auf Instagress aufmerksam, einen der beliebtesten Instagram-Automatisierungs-Service. Bei Instagress legen Sie die Hashtags fest, die für Sie interessant sind. Das Tool vergibt dann anhand der Hashtags „Gefällt mir“-Angaben für Fotos oder folgt anderen Nutzern. Zusätzlich können vorgefertigte Kommentare eingegeben werden, die der Bot dann unter entsprechende Fotos postet. Drei Tage Instagress kosten 2 Dollar, zehn Tage sind um 5 Dollar zu haben und 30 Tage gibt es für 10 Dollar – also ein wirklich günstiges Tool. Außerdem gibt es eine Gratis-Testversion für drei Tage, perfekt für mein kleines Experiment.

Da ich davon ausging, dass die „Gefällt mir“-Funktion eine ziemlich einfacher Vorgang ohne jede Auswirkung auf meine Community sein würde, habe ich mich von Anfang an dagegen entschieden. Ich wollte wie alle anderen Nutzer solcher automatischer Services schnell einen sichtbaren Erfolg erzielen. Deswegen konzentrierte ich mich auf die Kommentar-Funktion. Schritt eins war das Festlegen der Hashtags für die Bot-Suche. Hier entschied ich mich für einen Mix aus Orten, meinen Interessen und allgemein gültigen Hashtags (#Canada, #Montreal, #Vancouver, #PNW (Pazifischer Nordwesten der USA), #Fischen, #Wasser, #Wunderbar). Schritt zwei waren die Kommentare, die der Bot posten sollte. Hier wollte ich möglichst allgemeine Antworten formulieren, die fast immer passen sollten:

  • „Tolles Bild!“ (Passt für 90 Prozent aller Fotos)
  • „Verdammt!“ (Gleicher Zweck, aber die coolere Version?)
  • „Bin neidisch!“ (Das war für alle Bilder von Sonnenuntergängen am Meer oder sonstige Urlaubsfotos gedacht)
  • Und: „Deine Bilder > Meine Bilder“ (Ergänzend – und um die Leute dazu zu bringen, sich meine Bilder als Beweis anzusehen)

Nach Eingabe dieser Zielvorgaben konnte es los gehen. Nach zwölf Stunden hatte ich nur sechs neue Follower, etwa 40 neue „Gefällt mir“-Angaben bei meinen Fotos und rund 25 neue Kommentare. Eigentlich kein schlechtes Ergebnis fürs Nichtstun, aber auch nicht wirklich umwerfend.

Als Problem entpuppte sich etwas ganz anderes: Durch die automatischen Kommentare hatte ich mich bei einer Reihe mir unbekannter Leute in ziemlich seltsame Situationen gebracht. Und diese fragten sich nun mit Recht, was genau mit mir nicht stimmte.

Da gab es zum Beispiel das Hochzeitsfoto einer Braut, das ich mit „Verdammt!“ kommentiert hatte (netterweise antwortete sie mit „Dankeschön“ anstatt mich zu beschimpfen). Oder ein „Bin neidisch!“ unter dem Foto eines Mannes, der sich offensichtlich über das ausgesprochen hässliche Gemälde neben ihm lustig machte (Fraß mich der Neid nun, weil ich dieses hässliche Bild haben wollte oder weil er sich über mich lustig machen sollte?). Das Schlimmste aber war ein „Deine Bilder > meine Bilder“-Kommentar unter dem Selfie eines Jungen, der eindeutig noch zur Schule ging. Sein ganzer Account bestand aus vier Bildern, davon drei Selfies. Der Teenager sagte mir, ich sei bescheiden. Mir war ziemlich unbehaglich zumute.

Diese Erlebnisse waren das eine. Hinzu kamen die Fragen von Leuten, die sich über die Kommentare eines Unbekannten unter ihren Fotos wunderten. Und dann gab es noch Kommentare unter Bildern, um die ich normaler Weise einen großen Bogen machen würde (religiöse Aussagen oder Chris Brown Songs). Ich hatte damit sehr schnell die negativen Seiten automatischer Kommentare kennengelernt. Ebenso schnell war mir klar, dass diese fragwürdigen Situationen für ein Unternehmen erst recht untragbar wären.

Trotzdem wollte ich unbedingt mit meinem Experiment weiter machen. Also änderte ich ein paar meiner Kommentare: „Verdammt!“ wurde durch „Wow!“ ersetzt, der Bilder-Vergleich durch „Süß“ und das „Bin neidisch!“ komplett gestrichen. Eben nur Small Talk.

Und dann aktivierte ich das automatische Folgen. Sechs neue Follower in zwölf Stunden konnten ja wohl nicht alles gewesen sein.

Sie hätten also gerne mehr Follower?

Automatisches Folgen funktionierte eindeutig besser. In den nächsten 24 Stunden kamen mehr als 70 neue Follower dazu, in den letzten eineinhalb Tagen des Instagress-Experiments noch einmal rund 170. Am Ende hatte ich damit 584 Follower gesammelt.

Ich war ehrlich gesagt schwer beeindruckt. Innerhalb von drei Tagen fast 250 Follower mehr, von 338 auf 584, und das quasi wie von selbst. Nachdem die Laufzeit der Testversion beendet war, wartete ich ein paar Tage mit der Fortsetzung meines Experiments. Ich wollte wissen, ob die „Neuen“ nicht genauso schnell wieder verschwinden würden, wie sie gekommen waren. Taten sie nicht. Eines meiner kürzlich geposteten Fotos erhielt rund 70 „Gefällt mir“-Angaben in zwölf Stunden, wohl hauptsächlich dank meiner 250 neuen „Freunde“.

A #latergram from yesterdays hike in Lighthouse Park 🌅

A photo posted by Evan LePage (@evlp) on

Die Nachteile waren allerdings alarmierend. Als ob die seltsamen, peinlichen Kommentare nicht genug gewesen wären, hatte ich damit auch noch meinen Instagram-Feed komplett zerstört.

Um 250 neue Follower zu sammeln folgte der Bot (und damit ich) in derselben Zeit zusätzlich mehr als 1.400 Nutzern. Wenn man 1.740 Leuten auf Instagram folgt, ist der eigene Feed einfach nur noch unbrauchbar. In meinem Fall hieß das, dass ich fürchterliche Fotos irgendwelcher Accounts zu sehen bekam. Und meine Freunde und andere für mich interessante Personen in dieser Bilderflut völlig untergingen. Dummerweise waren auch noch viele der automatisch verfolgten Accounts reine Spammer, die mit generischen Hashtags ihren Spam unter das Volk bringen wollten.

Natürlich können Sie sich jetzt auch „der Feed ist mir egal, ich will meine eigenen Fotos promoten“ denken. Gutes Argument – wenn Sie eine große Community mit wenig Engagement haben wollen. Nun spielt aber Engagement eine große Rolle bei der Entstehung einer Instagram-Community, die für Ihre Inhalte wirklich förderlich ist. Und der Feed trägt nicht unerheblich zu diesem Engagement bei. Ich zum Beispiel hätte in meinem Feed einen wirklich interessierten Follower nicht einmal dann finden können, wenn ich gewollt hätte. Aber wie kann ich meinen Followern meine Wertschätzung zeigen, wenn ich sie gar nicht erst finde? Durch die Follower-Liste scrollen und Fotos „liken”, ist extrem zeitraubend und damit keine Alternative.

Fazit: Ja, ich habe viele Follower hinzu gewonnen. Aber im Gegenzug dazu ging das verloren, was für mich das Beste an Instagram ist. Und damit auch eines der wichtigsten Tools für die Interaktion zwischen Marken und Followern.

Es kommt noch besser (oder schlimmer?)

Zum Vergleich wollte ich auch noch ein anderen der automatischen Instagram-Services ausprobieren. Ich entschied mich für Instamacro, mit rund 10 Dollar für drei Tage etwas teurer.

Dieser Bot hat keine Kommentar-Funktion, was aber nach den „tollen“ Ergebnissen aus dem ersten Versuch nicht wirklich störte. Stattdessen konzentrierte ich mich auf die „automatisch Folgen“-Funktion. Auch hier setzte ich wieder dieselben Hashtags wie beim ersten Mal. Und dieses Mal wollte ich noch einen Schritt weiter gehen. Bei Instamacro kann man wählen, wie vielen Nutzern man pro Minute zusätzlich folgen will. Dabei besteht die Auswahl zwischen langsam (1-2 Nutzer pro Minute), normal (2-3 Nutzer pro Minute) oder schnell (3-5 Nutzer pro Minute). Wer ein bisschen rechnen kann, kommt selbst bei nur drei Nutzern pro Minute auf über 4.300 Nutzer, denen pro Tag neu gefolgt wird. Eine irrwitzige Zahl – und genau deswegen wählte ich die Option „schnell“.

Da die von mir gewählten Hashtags die Auswahl einschränkten, konnte der Bot nicht ganz so vielen Nutzern folgen (in den ersten 48 Stunden „nur“ 2.600 neuen Accounts…). Ein Pluspunkt, da Instagram die Zahl der Nutzer, denen gefolgt werden darf, auf maximal 7.500 beschränkt (Instamacro bietet auch ein automatisches „Entfolgen” von Nutzern beim Erreichen dieser Grenze an, was die sinnlose Endlosschleife von folgen/entfolgen weitertreibt).

Dachte ich vorher, mein Feed wäre bereits Müll, wurde ich nun eines Besseren belehrt. Aufgrund der enormen Anzahl an Profilen, denen ich nun folgte, nahm die Spam-Dichte absurde Formen an. Reihenweise erschienen fünf, zehn oder sogar 15 derselben Spam-Posts, immer hübsch hintereinander. Zwischen all dem Spam befanden sich selbstverständlich auch Unmengen anzügliche Bilder und Anzeigen für Bekleidung (Shapewear liegt gerade voll im Trend!).

Instagram-Bots-Spam

In der Mitte des zweiten Tages habe ich einfach mal die Fotos gezählt, die binnen 10 Minuten in meinem Feed aufgetauchten. Ergebnis: 78. Wie kann man bei soviel Traffic denn noch Spaß an Instagram haben? Ich fand es schrecklich.

Und machte trotzdem weiter. Nach drei Tagen Instamacro hatte ich 1.050 Follower und folgte selbst rund 5.300 Nutzern. Ach ja, und aus meinen fünf Instagram-Besuchen pro Tag war einer geworden. Und der diente nur dazu, die aktuellen Zahlen zu kontrollieren. Spaß war da natürlich Fehlanzeige.

Was ich aus meinem Experiment mit den Instagram-Bots gelernt habe

Meine kleine Versuchsreihe brachte ein paar wichtige Erkenntnisse:

  • Nummer eins: wer Instagram-Bots nutzt, muss bereit sein, auf einen persönlichen Feed zu verzichten. Für mich ist das nichts. Aber wenn Sie Ihren Feed nicht nutzen, um mehr über Ihre Community zu lernen, ist das kein Problem.
  • Automatische Kommentare können unmöglich funktionieren. Das Risiko ist einfach zu groß. Im besten Fall ist das Ergebnis nur seltsam, im schlechtesten Fall entsteht sogar Schaden. Teenager-Selfies wollen Sie einfach nicht kommentieren, auf keinen Fall, glauben Sie mir das.
  • Da die Nutzung der Bots für Kommentare oder automatisches Folgen gegen die Nutzungsrichtlinien von Instagram verstößt, ist ein ständig flaues Gefühl im Magen vorprogrammiert. Ich zum Beispiel machte mir permanent Sorgen, mein Instagram-Account könnte gesperrt werden, mitsamt meiner Foto-Erinnerungen an die letzten vier Jahre. Für eine Marke kann die Sperre eines Accounts sogar ein noch größeres Problem darstellen. Und das ist es einfach nicht wert.
  • Ja, Sie gewinnen Follower dazu. Aber mehr Follower bedeutet nicht automatisch mehr Engagement. Die Arbeit, um mit Ihren Fotos Engagement zu bewirken, bleibt Ihnen sowieso nicht erspart. Der menschliche Faktor in der Interaktion, den die Nutzer von einer Marke erwarten, kann nicht automatisiert werden.

Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte – ich muss 5.000 Nutzer entfolgen.

 

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