Psst … 5 Dinge, bei denen Ihr Chef dringend „Reverse Mentoring“ braucht

Auf eines können Sie wetten: Ihre jüngsten Mitarbeiter sind in vielen Bereichen bereits viel klüger als Sie. Nehmen Sie sich als Führungspersönlichkeit die Zeit, von ihnen zu lernen?

Wer als Chef oder hochrangige Führungskraft relevant und effektiv bleiben will, muss eine Methode finden, mit neuen Trends und Entwicklungen Schritt zu halten. Hier kommt das so genannte „Reverse Mentoring“ ins Spiel.

„Reverse Mentoring“ bedeutet im Wesentlichen, dass man von jüngeren Mitarbeitern lernt. Dieser Ansatz ist nicht ganz neu und wurde bereits vom damaligen General Electric-CEO Jack Welch propagiert. Leider wird er meiner Erfahrung nach aber höchst unzureichend genutzt. Als Führungspersönlichkeit können Sie stets von einem frischen Blickwinkel, neuen Perspektiven und direkten Einblicken in neue Technologien profitieren. Zudem ist Reverse Mentoring keine Einbahnstraße: jüngere Mitarbeiter lernen dabei leitende Angestellte kennen und profitieren auch von deren Erfahrungen.

In den folgenden fünf Bereichen können (und sollten) Führungskräfte wie ich in diesem Jahr aus den Kenntnissen und Interessen jüngerer Kollegen besonders großen Nutzen ziehen. Ob im Rahmen ungezwungener Gespräche (wie #randomcoffees) oder bei eher formellen Mentoring-Programmen: grundsätzlich geht es darum, ganz bewusst den Kontakt zu jüngeren Mitarbeitern zu suchen, statt sich diese wichtige Ressource entgehen zu lassen. Viele der hier angesprochenen Themen drehen sich um Technologie, doch einige Grundkenntnisse aus den erwähnten Bereichen werden Ihnen als Chef gut tun – egal, in welchem Sektor Sie tätig sind.

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI, Englisch „Artificial Intelligence“: AI) dürfte sich zweifellos als umwälzenste Technologie seit dem Internet erweisen. Quer durch alle Branchen – von der Automobil- über die verarbeitende Industrie und dem Bankwesen bis hin zur Werbewirtschaft – investieren fortschrittliche Unternehmen schon heute massiv in diesen innovativen Bereich. Aber mal ganz ehrlich: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie KI auch Ihre Branche verändern könnte – und zwar nicht hypothetisch, sondern gleich hier und jetzt? Ich unterhalte mich immer wieder mit Firmenchefs, die mit Schlagwörtern wie „maschinelle Intelligenz“ um sich werfen, ohne auch nur einen Schimmer davon zu haben, was KI konkret für sie tun kann (und was nicht). Doch mit unrealistischen Erwartungen an eine neue Technologie heranzugehen ist in der Regel genauso problematisch, wie sie von vornherein abzulehnen.

Deshalb ist Reverse Mentoring gerade in diesem Bereich essentiell. Nehmen Sie sich die Zeit, mit jungen Leuten zu sprechen, die erst vor Kurzem ihren Abschluss in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern gemacht haben. Diese Mitarbeiter werden mit den neuen Tools nicht nur vertraut sein, sondern auch eine Vorstellung davon haben, wie sie sich kommerziell anwenden lassen. Vielleicht verstehen Sie nicht jedes Wort, das Sie bei diesen Gesprächen zu hören bekommen – doch Führungskräfte, die in den nächsten Jahren relevant bleiben und die Nase vorn haben wollen, sollten zumindest eine annähernde Vorstellung von KI haben.

Social Media

Heutzutage ist kaum jemand nicht auf Facebook vertreten – außer, dieser Jemand sitzt in der Chefetage. Ganze 61% aller Fortune 500-CEOs haben bis heute keine Social Media-Präsenz – eine Riesenchance zur Kommunikation, die sich diese Firmenlenker durch die Lappen gehen lassen. (Deshalb habe ich sogar einen Bestseller über dieses Thema geschrieben.) Wenn es einen Kommunikationskanal gibt, auf dem fast alle Ihre Mitarbeiter (ganz zu schweigen von Ihren Kunden und Konkurrenten) viel Zeit verbringen, Ideen austauschen und Meinungen äußern – sollten Sie dann als Führungskraft nicht auch dort sein, zuhören und mit den Leuten interagieren?

Jüngere Mitarbeiter – vor allem solche aus der digitalen Generation, die bereits mit Social Media aufgewachsen sind – sind mit den unterschiedlichen Plattformen und deren Anwendungsmöglichkeiten auf Du und Du. Nicht jeder Unternehmens-Vize muss unbedingt Snapchat beherrschen. Doch auch hier kann ein wenig Reverse Mentoring schon viel bewirken, um Sie auf den neuesten Stand zu bringen und Kommunikationsdefizite zu Ihrem Team auszugleichen.

Diversität and Inklusion

2017 beherrschte die geschlechtsspezifische Diskriminierung in sämtlichen Industriezweigen die Schlagzeilen und verlangte öffentliche Aufmerksamkeit – allen voran in der Medien- und Technologiebranche. Diversität geht jedoch über das Geschlecht hinaus und umfasst auch ethnische Zugehörigkeit, Alter, Fähigkeiten und mehr. Ich konnte beobachten, dass jüngere Mitarbeiter und HR-Profis sehr für diese Anliegen sensibilisiert sind und oft auch das erforderliche Instrumentarium mitbringen, an dem es älteren Führungskräften mangelt.

Zum Beispiel ein Feingefühl für die Auswirkungen unbewusster Vorurteile – ein Begriff, den es vor ein paar Jahren im Unternehmensvokabular noch gar nicht gab. Heute scheint es uns allen selbstverständlich, dass man nicht bewusst gegen eine bestimmte Gruppe voreingenommen sein muss, um ihr mit Vorurteilen zu begegnen. Eine stillschweigende und unabsichtliche Stereotypisierung am Arbeitsplatz kann genauso schädlich sein – wenn nicht noch mehr. Je mehr Sie als Führungspersönlichkeit über dieses Thema wissen, umso leichter können Sie unbewusste Vorurteile innerhalb des Unternehmens erkennen und beseitigen.

Kryptowährungen und Blockchain

Klar: wir bedauern es alle, nicht rechtzeitig in Bitcoin investiert zu haben, oder? Aber mal abgesehen davon – warum erregt dieses ganze Kryptowährungs-Zeug so viel Aufsehen? Und warum sollten sich ganz gewöhnliche Unternehmen darum kümmern? Im Grunde dreht sich die Aufregung vor allem um Blockchain, die Technologie hinter Bitcoin. Dabei handelt es sich um eine Art digitales, dezentrales Kontobuch für Transaktionen in einem Peer-to-Peer-Netzwerk. Klingt nicht gerade ultraspannend… Aber die Blockchain-Technologie ist deshalb ein so mächtiges Instrument, weil sie sensible Transaktionen – wie Geldüberweisungen oder die Abwicklung von Wertpapiergeschäften – ohne eine zentrale dritte Instanz wie eine Bank und die damit verbundenen Kosten ermöglicht.

Obwohl manche Kritiker Blockchain für puren Hype halten, beharren ihre Befürworter darauf, dass diese Technologie nahezu unbegrenzte Anwendungsmöglichkeiten eröffnen wird. Unternehmen sollen damit auf billige und sichere Art bald praktisch alles tun können, von der Gesundheitsdatenverwaltung bis zur Überprüfung von Wählerverzeichnissen, von Vertragsverhandlungen bis zur Zertifizierung von Lieferketten. Könnte Blockchain also auch Ihr Unternehmen auf einen ganz neuen Weg bringen? Am besten ist, Sie erkundigen sich bei dem Mann oder der Frau aus Ihrer IT-Abteilung, der Bitcoin gekauft hat, als der Kurs noch unter 100 Dollar lag … falls er/sie sich nicht längst auf eine sonnige Karibikinsel verabschiedet hat.

Apps

Es mag seltsam klingen – aber ein wenig Reverse Mentoring in Sachen Apps könnte Ihr Unternehmen retten. Wissen Sie, welche Apps sich auf den Startbildschirmen der Mitarbeiter befinden, die gerade von der Uni kommen? Haben Sie eine Ahnung, welche Apps diese jungen Leute täglich öffnen, oft sogar mehrmals? Wer sich hier schlau macht, kann vielleicht einen Blick in die Zukunft werfen (auch wenn es sich „nur“ um Spiele oder Emoji-Makers handelt). Bevor Uber oder WhatsApp oder Instagram zu milliardenschweren Konzerne wurden, die ihre Branche völlig auf den Kopf stellten, waren sie auch nichts anderes als Apps auf dem Smartphone eines Twens. Und keiner über dreißig hatte je davon gehört.

Nehmen wir HQ Trivia als Beispiel. Im vergangenen Herbst fiel mir auf, dass ein paar jüngere Mitarbeiter dieses Live-Spiel spielten, das wie eine Gameshow im Fernsehen aufgebaut ist. Damals hatte die App einige Tausend Nutzer, heute sind es schon ein paar Millionen. Für mich war das ein Weckruf. Es ist ja schön und gut, wenn man Beiträge in einen Facebook-Newsfeed postet, aber Echtzeit-Interaktionen, die live und direkt mit anderen ablaufen, sind da ein ganz anderes Kaliber. HQ Trivia zeigt mir, wie die Zukunft von Spielen und Social Media aussehen könnte – und ohne die jüngeren Mitarbeiter in meinem Team hätte ich das nie bemerkt.

Früher beschränkte sich Reverse Mentoring auf erklärte Technologiegegner im Büro, die keine E-Mail öffnen und keine Google-Suche starten konnten. Doch der immer schnellere technologische Fortschritt sorgt dafür, dass nicht mehr alle paar Jahrzehnte, sondern alle paar Jahre (oder gar Monate!) ganz neue Tools und Verfahren auftauchen. Sie müssen nicht unbedingt zum alten Eisen gehören, um da den Anschluss zu verlieren. Deswegen sind Führungspersönlichkeiten aller Altersgruppen, die relevant bleiben wollen, gut beraten, wenn sie sich dieses Jahr Zeit für ein paar Reverse-Mentoring-Sitzungen freihalten.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich auf LinkedIn veröffentlicht. Für mehr Social Media-Insights folgen Sie Ryan Holmes auf LinkedIn.